Bio Leinöl: Regionaler als dieses Öl geht es nicht
Derndorf wird aus Leinsamen Öl gepresst. Doch bis es so weit war, mussten einige Herausforderungen gemeistert werden – und der Bio-Bauer, der hinter dem Produkt steckt, war einst in einer ganz anderen Branche tätig.
von Melanie Lippl
Derndorf – Man braucht Geduld und viele Körner: „Es ist ein langsames Geschäft”, sagt Albert Lochbrunner, während hinter ihm die Ölpresse läuft. Es riecht nussig in dem kleinen kühlen Raum auf dem Derndorfer Bio-Bauernhof „Besthans”. Oben rieseln die Leinsamen hinein, eine Schneckenpresse im Inneren drückt die Körner mit jeder Menge Kraft aus, und während an der einen Seite langsam, aber stetig Öl herausfließt, kommt auf der anderen Seite eine dunkelbraune Wurst heraus: der sogenannte Presskuchen. Lochbrunner verfüttert ihn an die Tiere.
Ein Sack mit 25 Kilo passt in den großen Trichter. Nach einer Stunde sind vier Kilo Leinsamen durch die Presse gedrückt worden, eineinviertel Liter Öl sind dabei herausgekommen. Nachdem sich die dunkleren Schwebstoffe abgesetzt haben, kann das Öl in Flaschen abgefüllt werden. Es muss gekühlt werden und hält, ähnlich wie Eier, um die zwölf Wochen. Dann oxidieren die Fettsäuren und das Öl wird bitter und kann allenfalls noch dazu genutzt werden, um Holz einzulassen.
Weil das Öl so verderblich ist, presst Lochbrunner es nur einmal im Monat, und das auf Vorbestellung. Zudem verkauft er sein Öl im Bio-Laden Egger in Salgen sowie seit Kurzem in der Mindelheimer Bäckerei Fäßler. Es ist unfiltriert, so bleiben die Lignane drin, die das Risiko für Krebs reduzieren sollen, laut AOK etwa für Speiseröhren-, Magen- und Darmkrebs sowie Brustkrebs für Frauen nach der Menopause. Außerdem verringere der Verzehr von Lignanen das Risiko, Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln.
Und das schonende Kaltpressen bei Temperaturen unter 40 Grad führt dazu, dass gesunde Omega-3-Fettsäuren, Vitamin E und sekundäre Pflanzenstoffe ebenfalls erhalten bleiben. Darum muss das Öl auch im Kühlschrank aufbewahrt werden.
Leinöl ist nicht das einzige Öl, das Albert Lochbrunner presst. Auch Sonnenblumenöl, Leindotteröl (das übrigens nichts mit Leinöl gemein hat) und Hanföl werden im Kirchheimer Ortsteil Derndorf produziert. „Wir wollen Vielfalt auf dem Acker”, sagt Lochbrunner, „und keine Monokulturen”. So achtet er darauf, was er gemeinsam säen kann: Hafer und Leindotter beispielsweise, oder Hafer und Buchweizen. „Die Insekten haben da wochenlang etwas davon.”
Auch wenn der 46-Jährige auf dem Hof aufgewachsen ist, ist er kein klassischer Landwirt. 20 Jahre hat er in der IT gearbeitet, Projekte vorangetrieben und Teams geleitet. Als er seine heutige Frau Alice kennenlernte und die beiden zwei Kinder bekamen, stellten sie sich die Frage, wie ihre Zukunft weitergehen sollte. Er wenig zuhause, und in der ganzen Welt unterwegs? Das wollten sie beide nicht mehr. Der Vater von Albert Lochbrunner
Der Landwirt will Vielfalt auf dem Acker
hatte vor, in Rente zu gehen, doch „ich bin kein Milchviehbauer”, das war Albert Lochbrunner klar. Doch seine Frau, eine gelernte Werbetechnikerin, motivierte ihn, den Hof zu übernehmen und etwas daraus zu machen. Der Hof, der seit langer Zeit ein Bio-Betrieb ist, wurde umgestellt auf Mutterkuhhaltung, Getreideanbau und „experimentellen Ackerbau”: Hier wird mit alten Kulturpflanzen experimentiert. Und Albert Lochbrunner hat dabei vor allem eins gelernt: „Man braucht Geduld, aber dann steht auch eine Qualität dahinter”, wie er sagt. „In der Informatik hingegen geht alles ganz schnell.”
Zuerst begannen sie mit der Nudelherstellung, bis ein Freund die Familie vor 13 Jahren ansprach, ob sie für seine Pesto-Herstellung nicht Hanf anbauen könnten. Vor rund sieben Jahren pressten Alice und Albert Lochbrunner dann zum ersten Mal ihr eigenes Hanföl. Mit Leinöl ging es dann vor vier Jahren los. Doch es warteten einige Herausforderungen. Denn Lein und Hanf haben zähe Fasern. Nicht umsonst werden aus Hanf Seile gefertigt und Lein für den Leinenstoff verwendet. Was für einen Jeansstoff perfekt ist, ist für die Hanfsamenernte alles andere als praktisch: Die Pflanze wickelt sich im Mähdrescher auf, ähnlich wie beim Papierstau in einem Drucker. Nur, dass es im Mähdrescher so zu einer erhöhten Brandgefahr kommen kann. Mit dem Messer müssen die Fasern dann durchgeschnitten werden, und das unter Stress, weil einem die Zeit wegläuft, wie Lochbrunner von seinen ersten Ernteversuchen berichtet.
Zusammen mit dem Tüftler Hermann Frehner aus Derndorf entwickelte Lochbrunner deshalb eine neue Methode: Dazu wird eine Einzugswalze, ein „Pickup”, vor den Mähdrescher montiert. Hinzu kommt, dass der Leinsamen erst gedroschen wird, nachdem er drei Tage zuvor mit klassischem Mähwerk geschnitten und dann getrocknet wurde. „Eine Ernte wie früher, nur in der Version 2.0″, nennt Albert Lochbrunner das schmunzelnd.
Er selbst habe viel von Anton Bufler aus Westerheim gelernt und anfangs auch dessen Presse nutzen dürfen, wie Lochbrunner berichtet. Es freut ihn, dass für dieses regionale Ölprojekt so viele Landwirte zusammenhelfen. Neben Bufler und dem Tüftler Hermann Frehner ist auch Andreas Lochbrunner aus Hasberg mit im Boot, der Sonnenblumenkerne und Leinsamen anbaut, aus denen (der übrigens nicht mit ihm verwandte) Albert Lochbrunner Öl presst. Dass Landwirte sich nicht als Konkurrenten, sondern als Partner sehen, freut Lochbrunner sehr. Und, dass sie den Mut hatten, dieses ungewöhnliche Projekt mit ihm anzugehen.

